Versuchskaninchen

Als Mama lebt man ja ständig in Angst um die Kids. Angst, dass sie sich die Knochen brechen, Angst, dass sie sich gegenseitig Stifte in die Augen stecken, Angst, dass sie irgendwo runterfallen, Angst, dass sie sich irgendwelche Krankheiten einfangen. Und dann gibt es noch die Angst, dass sie sich vergiften, weswegen wir als fürsorgliche Mütter dankbar den Hinweis der Waschmittelhersteller in der Werbung aufnehmen, dass die Kinder diese neuartigen Caps, bei denen das Waschmittel einfach nochmal in Plastik verpackt wird und wir für viel weniger Waschmittel und viel mehr Plastik deutlich mehr Geld bezahlen, nicht essen sollen. Puh. Gottseidank hat uns das jemand gesagt. Das wär ja beinahe schief gegangen. Und dann sitzt man fassungslos vor einem Bericht, in dem sie erzählen, das Caps-Zerbeißen jetzt die neueste Mutprobe unter Teens ist. Verrückt! Primär habe ich ja darauf gesetzt, meinem Kind zu erklären, dass es keine chemischen Substanzen essen, trinken oder sonstwie konsumieren soll. Aber zur Sicherheit bewahren wir die Sachen doch lieber so auf, dass die Kinder nicht drankommen. Vergiftungsgefahr gebannt? Denkste. Innerhalb von zwei Tagen ist es mir gelungen, mich selbst zwei Mal in eine, sagen wir mal, vergiftungsähnliche Situation zu bringen. Ja, es war noch weit entfernt von einem echten Notfall, aber ich habe genügend Schadstoffe aufgenommen, dass es mir zumindest schlecht und zeitweise auch schwindelig wurde. Was ist passiert? Es ist Sonntag und ich beschließe, ganz nach dem Frauen-von-Stepford-Prinzip, Apfelmuffins zu backen. Gut, dass ich jüngst neue Silikonmuffinförmchen eingekauft habe. Die sind ja so praktisch und außerdem pastellfarben. "Vor dem ersten Gebrauch mit heißem Wasser und Spülmittel auswaschen" steht auf der Verpackung. Klar, wird gemacht. Wir wollen doch kein Risiko eingehen. Die Förmchen werden also gründlich gespült, getrocknet, befüllt und in den Backofen geschoben. Ein leckerer Apfelduft schwebt in der Luft, im Kamin brennt ein Feuer, die Kaffeemaschine wartet schon ungeduldig auf ihren Einsatz. Da sitzen meine zwei Männer bei mir in der Küche, wir unterhalten uns und ich überlege, dass zu den Apfelmuffins ein Bällchen Vanilleeis hervorragend passen könnte. Ich nehme die Muffins aus dem Ofen, lasse sie nur ein wenig abkühlen und bin entzückt, wie einfach sie sich aus den Förmchen lösen lassen. Eine geniale Anschaffung! Ich richte Teller an, jeweils ein Muffin, etwas Vanilleeis. Hauchdünne Apfelscheibchen als Dekoration. Ein bisschen Puderzucker drüber. Ich serviere. Meine Männer bekommen große, leuchtende Augen. Voller Appetit beißen sie in die noch warmen Apfelmuffins. Und dann mein Sohn so "Bäääh, das schmeckt mir nicht"...und ich so "Hmm...das schmeckt irgendwie komisch. So chemisch."...und mein Mann so "Meine Zunge wird ganz taub!" Die Muffins landen in der Tonne, das Vanilleeis besänftigt die Geschmacksnerven meiner Männer, nur mir ist noch eine Weile übel und schwindelig. Eine kurze Recherche im Internet klärt mich darüber auf, dass so mancher Silikonförmchenhersteller es nicht so ernst nimmt mit dem obligatorischen Erhitzen des Silikons, so dass Schadstoffe zurückbleiben können. Man solle daher die Förmchen vor dem ersten Gebrauch "tempern", also leer im Backofen eine Weile durcherhitzen. Toll. Stand das irgendwo? Nein! Ich suche die Verpackung im Müll, um mein Gewissen zu beruhigen. Nein, es steht nix drauf. Ich erwäge eine Klage einzureichen.

Der nächste Tag. So schön ruhig heute. Gleich hole ich meinen Großen aus der Kita ab. Ach komm, ich mache noch schnell eine Kanne mit einem schönen eisgekühlten Lemon-Minze-Eistee. Den mag er doch so gerne. Ich hab mir doch letztes Jahr so eine praktische Kanne mit Kühleinsatz in einem schwedischen Möbelhaus gekauft. Der Kühleinsatz liegt pflichtbewusst in der Kühltruhe. Klasse, die Eiswürfel sind nämlich alle. Also Tee vorbereitet, Kühleinsatz in die Kanne gesteckt und dann ab in den Kühlschrank. Zuhause schenke ich meinem Sohn etwas von dem Tee ein. Er probiert und schüttelt vehement den Kopf. "Iiiiih Mama, was ist das?" "Schatz, das ist der Tee, den du so gerne magst." "Gib mir lieber Wasser!" Diese Kinder. Denen kann man es aber auch nie recht machen. Als ich beim Abendessen dann selbst von dem Tee trinken will und diesen postwendend in das Glas zurückspucke verstehe ich jedoch seine Spontanabneigung. Was ist das denn? Das schmeckt ja widerlich! Ich tippe zunächst auf ein falsches Wasser-zu-Tee Mischungsverhältnis, aber die genauere Untersuchung der Kanne liefert Aufschluss. Das Kühldingens hat einen Riss und die Kühlflüssigkeit tritt aus. Mir wird schon wieder schlecht und ich gehe mit der Erkenntnis ins Bett, dass mein Kind schlau genug ist, sich nicht selbst zu vergiften. Ich dagegen.... 

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