Titel: Das Floß der Medusa

Autor/in: Franzobel

Verlag: Hanser/Zsolnay

ISBN: 978-3-552-05816-3

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"Wo es kein Brot gibt, gibt es kein Gesetz mehr", verlautet der Klappentext. 147 Menschen auf einem manövrierunfähigen Floß im Ozean. Wenn der Ort, an dem die Handlung spielt, durch den Mangel an wechselnden Umgebungen so wenig Raum für Beschreibungen lässt, ist der Autor besonders gefordert, dem Leser die Szenerie abwechslungsreich darzubieten. Der Klappentext lautet weiter "Drei Fässer Wein, ein Fass Wasser, ein Sack Zwieback für 147 Menschen". Ich habe erwartet, etwas über die Überlebensstrategien der Menschen auf dem Floß zu erfahren. Wie teilen sich die Menschen die Rationen ein? Bilden sich Gruppen? Gibt es einen Plan? Ich habe auch erwartet, dass wir uns schneller auf dem Floß befinden würden, aber es dauert doch an die 250 Seiten, bis es soweit ist. Der Kapitän Chaumareys, eigentlich nicht qualifiziert für diese Aufgabe und aufgrund dessen voller Selbstzweifel, soll die Medusa und seine Passagiere sicher in den Senegal führen. Er lässt sich von einem Wichtigtuer beraten, anstatt auf seine wesentlich geschulteren Offiziere zu hören. Zusätzlich wird er von einem hohen politischen Passagier zur Eile angehalten. Auf dem Schiff werden wir mit Klassenunterschieden konfrontiert, der Ton ist rau, der zwischenmenschliche Umgang brutal. Schon hier auf dem Schiff scheinen die Regeln eines sozialen Miteinanders über Bord gegangen zu sein. Der Kapitän, zu stolz, um seine Unfähigkeit zuzugeben und charakterlich zu schwach, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, manövriert die Medusa zielgenau auf eine Sandbank. Sie havariert und der Kampf ums Überleben beginnt. Bemerkenswert an Franzobels Werk ist, dass es dem Leser vorkommt, als säße man gemeinsam mit dem Autor bei einer Flasche Wein an einem Sommerabend draußen, bei brennenden Kerzen, eingehüllt in eine Decke, weil es zu späterer Stunde doch schon kühl wird, und er erzählt dir diese Geschichte von der Medusa und dem Floß und nimmt dich immer wieder "ins Boot", weil er dann und wann die "Wir"-Form benutzt und immer wieder Bezüge zu aktuellen Gegebenheiten herstellt. "Und auch wir, die wir vorerst genug gesehen haben von den dreckigen Innereien des Schiffes, dürfen gespannt sein, wie es im Achterdeck (...) zuging." (S. 104). An anderer Stelle erklärt er, einer der Offiziere der Medusa sehe aus wie Alain Delon. Er bedient sich unserer Erfahrungswelt und nimmt uns bei der Hand. Wir ergründen gemeinsam mit ihm die Ereignisse, die sich auf der Medusa und dem Floß abgespielt haben. Er baut damit Distanz ab, die wir normalerweise schon dadurch hätten, weil diese Geschehnisse knapp 200 Jahre in der Vergangenheit liegen. Doch Franzobel lässt diese Distanz nicht zu. Wir fahren mit der Medusa und wir sitzen auf dem Floß, wir erleben das körperliche Leiden, die Verzweiflung, wir müssen die gleichen moralischen Konflikte austragen und unseren eigenen Preis fürs Überleben aufrufen.  

 

Mamas Meinung: Im Vordergrund der Geschichte steht weniger die eigentliche Überlebensstrategie, sondern vielmehr der Aspekt, was eine Situation, in der alle Hoffnung verloren scheint, mit einem Menschen macht. Welchen Wert hat Moral angesichts des Todes? Welche Grenzen können überschritten werden, nur um zu überleben. Lohnt sich das Überleben, wenn das Leben nach dem Überleben von innerer Zerrissenheit geprägt sein wird, von Bildern, die niemand freiwillig im Gedächtnis haben will? Was ist "gesunder Egoismus"? Ein gutes Buch, zweifelsohne. Aber meinen Geschmack hat es nicht ganz getroffen.