Titel: Die Geschichte des verlorenen Kindes

Autor/in: Elena Ferrante

Übersetzer/in: Karin Krieger

Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42576-3

www.suhrkamp.de 

 

Das war es also. Die Geschichte um Elena und Lina, Lenù und Lila geht also zu Ende. Der letzte Band der neapolitanischen Saga beschreibt die beiden Frauen von der Mitte des Lebens bis ins Alter um die 60. Kinder und Enkelkinder werden geboren, Beziehungen entstehen und gehen in die Brüche. Das Leben in Italien und besonders das Leben im Rione geht weiter, die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche zu dieser Zeit stehen klar im Fokus dieses letzten Romans. Elena und Nino sind endlich zusammen und bauen sich ein gemeinsames Leben auf. In der Mitte ihres Lebens steht Elena vor der Herausforderung, einen Umzug, ihre Kinder, Nino und eine Scheidung zu bewältigen und dabei den Anschluss an den Büchermarkt als Autorin nicht zu verlieren. Sie quält sich, sie leidet, sie muss viele Tiefschläge in diesem letzten Werk verkraften und wie immer setzt Elena Ferrante in ihrem Buch die Struktur der bisherigen Bände fort: Elena und Lina funktionieren wie die zwei Seiten einer Balkenwaage. Wenn es der einen schlecht geht, geht es der anderen gut und umgekehrt. Lina festigt ihre Karriere zusammen mit Enzo im IT-Bereich und schafft es, als Pionierin auf diesem Gebiet, viel Geld und damit Einfluss im Rione zu gewinnen. Anders als Elena jedoch, verlässt sie den Rione in all dieser Zeit niemals. Sie stellt sich den Herausforderungen, sie will den Rione verändern. Erst nach der Rückkehr Elenas in den Rione verschiebt sich das Gewicht der Balkenwaage wieder. Während Elena beruflich wieder Fuß fasst und einen Roman erfolgreich veröffentlicht, gerät Linas Welt aus den Fugen. Dieses Wechselspiel macht den Reiz dieser Bücher aus. Die beiden Frauen messen sich aneinander, messen ihre Kinder aneinander und dieses Messen ist Ansporn und Motivation, führt die beiden durch ihre gesamten Leben, seit ihrer Kindheit. Beide Frauen können zwar enorme Erfolge verzeichnen, dennoch bleibt am Ende das Fazit zu ziehen, dass sie diese Erfolge immer dem indirekten Einfluss der jeweils anderen zu verdanken haben. An manchen Stellen habe ich mir gewünscht, dass vor allem Elena unabhängiger wird, ihr Handeln nicht immer an Überlegungen ausrichtet, die mit Lina zusammenhängen. Die Loslösung, die man sich fortwährend wünscht erfolgt, wenn auch auf eine nicht erwartete Art. 

So ist es mit Büchern. Man liest sie und während der Lektüre keimen Fragen in deinem Inneren. Wie wird sich dies oder das auflösen? Die meisten Bücher beantworten dir diese Fragen, weil der Leser es erwartet. Mir scheint es so, als orientierte sich Elena Ferrante weniger am Leserwunsch, alle Fragen am Ende des Buches beantwortet zu wissen, sondern vielmehr an dem, was Fragen offenlässt: dem Leben.

 

Mamas Meinung: Ich habe alle Bücher von Elena Ferrante verschlungen. Ich habe die Geschichte der beiden Frauen sehr nahe an mich herangelassen, die wechselseitige Abhängigkeit, den wechselseitigen Antrieb sehr gut nachempfinden können. Die ersten drei Bände erschienen mir stärker von den zwischenmenschlichen Beziehungen geprägt. Der letzte Band betrachtet gesellschaftliche Entwicklungen intensiver, so dass weniger Raum für die Personen an sich bleibt. Der Roman galoppiert zuweilen durch die Leben der beiden Frauen, es gibt häufiger Zeitsprünge. Und doch: ich habe Elena bis zum Schluss gerne und aufmerksam begleitet.