Titel: Ein fauler Gott

Autor/in: Stephan Lose

Verlag: Suhrkamp

ISBN: 978-3-518-42587-9

www.suhrkamp.de

 

REZENSIONSEXEMPLAR

 

Da stehen wir nun, Stephan Lohse, sein Debütroman „Ein fauler Gott“, und ich. Benjamin verliert seinen jüngeren Bruder Jonas durch einen Badeunfall und ist nun mit seiner Mutter Ruth alleine. Soweit der Kern der Handlung. Die Leserin erwartet angesichts einer derartigen Dramatik nun die innerliche Auseinandersetzung der Figuren mit dem Tod eines nahen Familienangehörigen und eine Antwort auf die Frage „Wie geht man damit um, als Mutter, als Bruder?“. Ich muss leider sagen, dass mich der Klappentext des Buches emotional mehr berührt hat, als das Buch selbst. Es ist ein bisschen so, wie wenn man einen toll geschnittenen Trailer zu einem neuen Kinofilm sieht und

der Film leider nicht halten kann, was der Trailer verspricht. Warum ist das so?

Zwei Dinge vermochte der Autor aus meiner Sicht nicht umzusetzen: Erstens, den Figuren eine charakterliche Tiefe zu verleihen und zweitens, die Geschichte durch die beschriebenen Szenen voranzutreiben, bis zu einem Höhepunkt. Ruth hat einen ihrer Söhne verloren. Sie sollte für jede Mutter nun so fühlen und handeln, dass man sich in sie hineinversetzen kann, dass man nachempfinden kann, weshalb sie auf die eine oder andere Art handelt. Das muss dann auf keinen Fall dem zu erwartenden Klischee der leidenden Mutter entsprechen, die sich nun mit aufopferungsvoller Hingabe dem noch verbliebenen Kind widmet, nein, es kann natürlich auch die Mutter sein, die sich verschließt, die verzweifelt und die scheitert. Aber ihr Handeln sollte in sich logisch sein, so dass der Leser den Charakter einzuordnen vermag. Das gelingt mir leider nicht, weder für Ruth, noch für Benjamin, denn beide verhalten sich

extrem ambivalent. Ruth klammert extrem und an anderen Stellen ekelt sie sich vor ihrem Sohn. Solche Beispiele von charakterlicher Unschärfe ziehen sich durch das ganze Werk. Dabei kann Ambivalenz spannend sein, aber die Leserin sollte die Gründe für diese Ambivalenz erfahren oder wenigstens vermuten können. Auch das Verhalten der Nebenfiguren mutet zuweilen merkwürdig an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Pfarrer einem Kind bei der Beerdigung dessen Bruders die Haare verwuschelt.

 

Die Handlung reiht Szene für Szene aneinander, der innere Bezug dieser Szenen bleibt jedoch über weite Strecken schleierhaft. Man hätte in dem Buch die Hälfte der Szenen streichen können, ohne den Roten Faden zu verlieren

oder etwas an der Charakterentwicklung zu verpassen. Sätze wie „Die Bereitschaft des Sofakissens, ihrem Gewicht

nachzugeben, verblüfft sie“ oder Beschreibungen wie „eine unangemessen junge Ärztin“ lassen mich ratlos zurück, weil sie künstlich wirken und weil ich sie schlichtweg nicht verstehe. So konnte mich das Buch auch sprachlich nicht

packen, im Gegenteil, ich habe mich an manchen Stellen über hanebüchene Sätze wie „Ben glaubte das Knistern ihrer Achselhaare zu hören“ einfach nur aufgeregt. Wozu soll das gut sein?

 

Ich habe die Figuren nicht erfassen können, habe deren Verhalten nicht nachvollziehen können, habe den Sinn der meisten Szenen des Buches nicht erschließen können und habe leider auch für mich persönlich nichts mitnehmen können. Abschließend bleibt zu sagen, dass sich Stephan Lohse an ein hoch sensibles Thema gewagt hat, das wohl bei jeder Mutter einer überkritischen Analyse unterzogen wird. Aber ein gutes Thema alleine reicht leider nicht aus, um mich zu überzeugen.