Titel: Ein Mensch brennt

Autor: Nicol Ljubic

Verlag: dtv

ISBN: 978-3-423-28130-0

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1975 ändert sich das Leben des achtjährigen Hanno für immer. In seiner Kelsterberger Mutter-Vater-Kind-Idylle erscheint der Atomkraftgegner Hartmut Gründler als Mieter in der Einliegerwohnung. Der Vater, der anfangs noch als großer Gönner auftritt, indem er seine Wohnung einem Studenten überlässt, wird seine Entscheidung bald bereuen, denn der Auftritt Gründlers ist der Beginn des Niedergangs der Kleinfamilie. Nicol Ljubic erzählt aus der Sicht des nunmehr erwachsenen Hanno, wie es dazu kommen konnte, dass ein einzelner Idealist die Bahnen eines Familienlebens derart versetzen kann. Hanno blickt mit vielen Fragezeichen auf die Zeit des Umbruchs zurück. Er beleuchtet insbesondere die Rolle seiner Mutter, die, und das versucht er zu begreifen, den Lebenswandel maßgeblich angetrieben hat. Was anfangs eine unschuldige Neugierde ist, entwickelt sich schnell zu einer Involviertheit in die idealistischen Ziele einer fremden Person, die dazu führt, dass altbekannte Strukturen aufgebrochen werden. Hannos Mutter emanzipiert sich einerseits, weil sie beginnt, ihre Rolle als Mutter und Hausfrau, die ihrem Mann am Abend das Essen auf den Tisch zu stellen hat, zu hinterfragen. Sie folgt nun eigenen Interessen und Neigungen, allerdings sind auch diese wieder maßgeblich serviert von einem Mann. Insofern, und das scheint auch die große Unbekannte in diesem Roman zu sein, fragt sich der erwachsene Hanno zurecht, weshalb seine Mutter die Rolle als die Frau an der Seite seines Vaters aufgegeben und gegen die Rolle an der Seite von Hartmut Gründler eingetauscht hat. Auch wenn es sich dabei niemals um eine Liebesbeziehung gehandelt hat, so war jegliches Agieren seiner Mutter „nach Hartmut“ doch geprägt von dem Einfluss und der Überzeugungskraft des Mieters. Statt kleinbürgerlichem Familienleben reist Hanno mit seiner Mutter nun von Demonstration zu Demonstration, statt sonntäglichen Spaziergängen werden Brandbriefe geschrieben und eingetütet. Hanno ist stets mittendrin, weil er seine Mutter nicht enttäuschen will, weil er die Nähe seiner Mutter braucht, egal in welchem Umfeld. Der Kampf Gründlers scheint aussichtslos, alle Versuche, die deutsche Regierung auf die Gefahren der Atomkraft hinzuweisen führen ins Leere und in letzter Konsequenz geht Hartmut einen Schritt, der ein Zeichen setzen soll, ein Weckruf für die Bevölkerung. Er zündet sich an.

 

Hannos Mutter kämpft danach alleine weiter um das Erbe des Hartmut Gründler, sie kann es nicht verstehen und nicht einsehen, weshalb sich niemand für den Kampf interessiert. Schuld seien die Medien und die Regierung, die Sprache, die bewusst eingesetzt würde, um die Gefahren zu verschleiern. Hanno nimmt die Rolle des Beobachters ein, er beschreibt die Abkehr seiner Mutter, ihre vermeintliche Emanzipation und ihre erneut entstandene Abhängigkeit. Über weite Strecken des Romans vermittelt er uns den Eindruck, dass seine Mutter gescheitert sei, dass sie sich in die Irre habe führen lassen, dass sie Schuld sei, an dem Bruch in der Familie. Er versucht, die Beziehung zu seiner Mutter einzuordnen, er hadert mit dem Gedanken, dass seine Mutter nie die Gefühle für ihn hegte, die man sich unter dem Begriff „Mutterliebe“ weithin vorstellt, er klagt an, instrumentalisiert worden zu sein und er will endlich, nach all den Jahren Gewissheit darüber, welche Rolle er im Leben seiner Mutter, die er an den Idealismus verloren glaubte, gespielt hat.

 

Idealismus macht manchmal sehr einsam, auch wenn jeder Idealist davon überzeugt ist, das richtige zu tun. Manchmal mündet Idealismus in Radikalität, wenn man eigene Überzeugungen mit Gewalt durchsetzen möchte und die Meinung anderer nicht mehr zählt. Ljubic zeigt eindrücklich, dass selbst bei einem scheinbar indiskutablen Thema wie Atomkraft die Idealisten zwar viele Feuer entfachen können, aber zuweilen ein Flächenbrand ausbleiben kann. Das lässt sich leicht auf andere Themen, in denen Idealismus eine Rolle spielt, übertragen. Wie geht man damit um? Aufgeben scheint für den radikalen Idealisten keine Option, es wäre ein Verrat an sich selbst. Genau das macht es auch so schwer, Wertvorstellungen und Ideale in friedlicher Eintracht zu leben. Dabei wäre es so leicht: Leben und leben lassen, oder wie der Saarländer sagt: Jedem seins.