Titel: Ein wenig Leben

Autor/in: Hanya Yanagihara

Übersetzer/in: Staphan Kleiner

ISBN: 978-3-446-25471-8

Verlag: Hanser

www.hanser-literaturverlage.de

Dick ist es, das Buch von Hanya Yanagihara. Da ich es mir erst kurz vor dem Entbindungstermin meines zweiten Sohnes gekauft habe, war mir klar: das wird eine Weile dauern. Zwischen Windeln wechseln, Bäuerchen machen und vor allem stillen (das Buch ist zu schwer, als dass ich mein Kind als Buchablage benutzen könnte), bleibt kaum Zeit. Mehr als zwei Seiten pro Tag sind da die Seltenheit. Und doch, das Buch hat mich mittlerweile fest in seinem Bann und ich sage gleich vorweg: es hat ein wenig gedauert. Das erste was mein Mann sagte war: "Das Cover finde ich blöd". Ich gebe es offen zu, mir gefiel es am Anfang auch nicht. Aber je mehr ich lese, je weiter ich vordringe in die Geschichte um den jungen Jude St. Francis, umso passender ist dieses Cover. Ja, es ist fast so, als hätte es gar kein anderes Cover geben können und dürfen, denn dieses ausdrucksstarke Bild brennt sich in der Verbindung mit der Geschichte dahinter in dein Herz. Jude St. Francis ist eine literarische Figur, wie man ihr nur selten begegnet. Er ist radikal, ekzessiv, verfolgt von inneren Dämonen schwelt in ihm eine Wut, die er über weite Teile seines Lebens zu beherrschen versucht. Er beherrscht seine Wut und versucht gleichzeitig, seine Selbständigkeit, seinen freien Willen als sein höchstes Gut zu bewahren. Gleichzeitig ist er zerbrechlich, wahrscheinlich sogar die zerbrechlichste Figur, die ich je kennen gelernt habe. Sein Schicksal wird nach und nach offenbart, uns als Lesern ein wenig eher, als den anderen handelnden Personen. Manchmal hatte ich den Wunsch, nicht weiterlesen zu müssen, weil ich es kaum ertragen konnte, was dieser Mensch alles durchgemacht hat, was ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Die Geschichte macht eins deutlich: wenn ein Mensch sein Vertrauen in andere einmal verloren hat, wird er es kaum mehr wiederfinden. Vielleicht annähernd, aber nie in dem Ausmaß, wie wir es vielleicht als "Urvertrauen" in unsere Eltern oder unsere Partner kennen gelernt haben. Die Fähigkeit, Vertrauen zu entwickeln bedeutet Leben. Ohne Vertrauen verlieren wir den Glauben. Ohne Vertrauen sind wir verloren. Und wenn man uns nicht nur das Vertrauen nimmt, sondern auch unseren freien Willen, dann sind wir ganz nah dran, an der Gefühlswelt von Jude St. Francis.

 

Mamas Meinung: Harte Kost, die sehr nachdenklich macht. Über die Bedeutung von Vertrauen, über uns selbst und die Beziehungen, in denen wir leben. Über die kleinen Grashalme, an die wir uns manchmal klammern und darüber, wie es uns eigentlich gelingt, in diesem Chaos rundherum gelassen und freundlich zu bleiben. Und über das Privileg eines unversehrten Lebens, das wir viel zu selten wertschätzen.