Titel: Unter der Drachenwand

Autor: Arno Geiger

ISBN: 978-3-446-25812-9

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Neugierig war ich auf dich. Schon lange, bevor du endlich bei mir warst bin ich immer wieder um dich herumgeschlichen. Du hattest so eine schleierhafte Anziehungskraft. Ich haderte, wusste nicht, ob wir wirklich zusammenpassen. Ob ich gerade in der Stimmung bin, auf dich und das, was du ausstrahlst. Aber gut, ich habe mich darauf eingelassen. Du hast dich mir ja quasi vor die Füße geworfen, mit diesem persönlichen und nahen Gefühl, das du mir gegeben hast. Und dann? Geärgert hast du mich. Da lasse ich dich in mein Leben und was tust du? Du versteckst dich, hälst dein Inneres zurück, über einen langen Zeitraum. Das mag ich nicht! Wie oft habe ich dich in die Ecke gepfeffert, weil du mich gelangweilt hast oder etwas gesagt hast, was mir nicht gefiel. Und diese alles vereinnahmende Melancholie, die von dir ausgeht. Und da lagst du dann…es war mir egal, ob der Staub sich auf dir niederlegt. Und doch. Meine Neugierde war zu groß und außerdem hatte ich mich doch in deine Stimme verliebt.

 

Veit Kolbe ist ein Kriegsversehrter, vollbeladen mit Bildern des Krieges und der Trostlosigkeit eines Sehenden ist er in Mondsee zur Regeneration. Er schreibt Tagebuch, eindringlich erläutert er die seelischen Wunden, die ihm zugefügt wurden. In Mondsee lernt er Margot kennen, eine frisch verheiratete Darmstädterin mit Baby. Wenn Arno Geiger das Thema Liebe in die Zeit des Krieges einbettet, dann ist es eben keine romantische, einem Feuerwerk gleichende, beglückende Liebe, sondern eine, die im Kern eine tiefe Traurigkeit hat, vielleicht weil der Krieg, das Leid und die Not nichts blühen lässt. Er beobachtet die verschickten Kinder im Lager Schwarzindien, trifft sich mit seinem Onkel, der in Mondsee Polizist ist und versucht, das Wesen der Quartiersfrau zu ergründen, die ihm ein Zimmer vermietet. Er schreibt nieder, welche Ambivalenzen ihm begegnen und führt diese Wirrungen im eigenen Handeln auf die Macht des Krieges zurück, der alles in sich aufsaugt, Strukturen, Werthaltungen und Positionen, und der es schafft, alle in einer Situation des Unklaren, des Unwirklichen zurückzulassen. Nur einer scheint bei klarem Verstand, der Brasilianer, mit dem Veit viele Gespräche führt und dem er am Ende einen großen Dienst erweist.

 

Die Figuren in Geigers Roman leiden allesamt unter dem allumfassenden Mangel, den der Krieg zu verantworten hat. Es mangelt nicht nur an Nahrung und Kleidung, sondern auch an Lebensfreude, an Zuversicht, an Zukunftsperspektiven. Veit ist ein trauriger Charakter, verfolgt von den Schrecken, die er erleben musste und voller Angst, wieder an die Front zu müssen. Das Buch vermittelt diese große Kriegsmelancholie, man ist durchweg bedrückt und fern jeder Hoffnung. Man begreift, dass Krieg etwas ist, dass nicht nur an einer Front ausgetragen wird, sondern ein Zustand, der sich wie ein Virus in die Köpfe jedes Einzelnen pflanzt. Er saugt die Menschen aus, er hinterlässt nur Traurigkeit. Die Absurdität eines Krieges wird so klar und so eindringlich beschrieben, dass man am Ende verstört zurückbleibt, lediglich ausgestattet mit der Hoffnung, dass sich so etwas niemals mehr wiederholen wird. Gerade in Zeiten wie diesen.